philosophie_und_kritische_theorie
„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist es gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ (Walter Benjamin, GS, I, 3, 1231.)

Philosophie

Als Philosophie soll hier jene Denkform verstanden werden, deren Traditon in der griechischen Antike begann. Sie wurde in schriftlichen Zeugnissen überliefert durch das Christentum, die islamischen Gelehrten in Spanien und durch die im Zuge der Eroberung Konstantinopels (Istanbul) 1453 nach Florenz emigrierenden Philosophen, die dort eine Platonische Akademie gründeten. Insbesondere der letztgenannte Überlieferungsstrom beförderte von Oberitalien aus und im Zuge der Bedeutung Oberitaliens im europäischen Handel die Rennaicance in Europa. Nachdem schon das Spätmittelalter in den nach und nach gegründeten Universitäten 1) eine gewisse Freiheit des Denkens entwickelt hatte, beflügelte die platonische Tradition wie auch die mathematischen Verfahren und z.B. auch das medizinische Wissen arabischer Gelehrter 2) aber auch die ars mercatoria (das handelsbezogene Rechnen) und die astronomische Forschung das freie Denken sowie die Entwicklung empirischer und zugleich mathematischer Wissenschaft zu jener breiten Strömung, auf der die gesamte moderne Wissenschaft gründet.

Die Philosophie ist eine der merkwürdigsten Formen von Kontinuität in dieser Tradition, die wir doch zugleich als eine Geschichte der Wendungen und Paradigmenwechsel verstehen. Über alle großen Neuerungen im Laufe der Geschichte hinweg hat sie die Möglichkeit eröffnet, Vergangenes zu verstehen und zugleich für die Gegenwart produktiv zu machen.
Zugleich stellt die Philosophie aber auch die Irritationskultur mit der längsten Traditon in Europa dar. Die Urform der produktiven Irritation, und somit des transformativen Bildungserlebnisses, finden wir in der Philosophie in Platons Dialog Theaitetos. In diesem Dialog erlebt der Schüler des Sokrates einen Lernprozess zugleich als Erschütterung der Fundamente seines gesamten in-der-Welt-Seins. Diese Erschütterung ist als das philosophische Staunen in den Traditonsbestand der gesamten abendländischen Philosophie und Wissenschaft eingegangen. Ein wenig mehr von diesem Staunen - das übrigens nichts mit Spektakel zu tun hat - wäre heute schon ein großer Schritt.

Wenn seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit anderen Kulturen z.B. von afrikanischer Philosophie oder von indischer oder chinesischer Philosophie gesprochen wird, dann hat dies zwar seine Berechtigung, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Traditionen, wenn sie nicht durch europäische Kultureinflüsse dominiert wurden, völlig anderer Art sind. Eine strikte Trennung zwischen der Philosophie aus der o.g. Tradition und Weisheitslehren sowie Denkformen anderer Kulturen läßt sich zwar nicht begründen, da Einflüsse in unterschiedlicher Form und Intensität stets bestanden, aber die gelegentlich unkritische Identifikation fremder Traditionen mit dem, was Europa während langen Jahrhunderten unter Philosophie verstand, führt zu eurozentrischen Interpretationen und Bewertungsmaßstäben, die einer differenzierten Betrachtung eher hinderlich sind.

Für alle, die mehr hierzu wissen möchten, befindet sich ein Seminarangebot in Vorbereitung:

pfeil.jpgEinführung in das Philosophische Staunen Das philosophische Staunen ist die älteste Form der produktiven Irritation. In mehr als 2500 Jahren hat dieses Staunen nichts von seiner transformativen Wirkung verloren. Wir erarbeiten die verschiedenen Weisen/Formen des Staunens und ermitteln das spezifisch Philosophische am philosophischen Staunen. Wir möchten herausfinden, welche Rolle es für uns, für unser Leben, unsere Gesellschaft heute spielen kann.
1)
Universität Bologna (1088), Universität von Paris (1160), Universität Oxford (1167), Universität Cambridge (1209), Universität Palencia (1212), Universität von Salamanca (1218), Universität Montpellier (1220), Universität Padua (1222), Universität Toulouse (1229) und die Universität Orléans (1235)
2)
So wurde neben anderen mathematischen Texten der Araber z.B. die Algebra des al-Chwarizmi, eines muslimischen Gelehrten und Namensgeber des „Algorithmus“ - einer Methode, auf deren Prinzipien noch heute all unsere Datenverarbeitung beruht - von dem englischen Arabisten und Mathematiker Robert von Chester 1145 ins Lateinische übersetzt. Es gab zu dieser Zeit viele Übersetzungen vom Arabischen ins Lateinische, so auch die Überstzungen von Gerhard von Cremona *1114 - † 1187, der neben der Algebra von al-Chwarizmi auch die medizinischen Schriften von Avicenna (Ibn-Sina) übersetzte.
philosophie_und_kritische_theorie.txt · Zuletzt geändert: 2016/01/06 18:57 von casaubon

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