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Einführung in das philosophische Staunen

Diese Veranstaltung ist noch nicht fertig konzipiert, aber so viel läßt sich schon sagen: Das philosophische Staunen ist eines der ältesten überlieferten Phänomene individueller Transformation. Somit ist es auch gerechtfertigt, bei der Philosophie von einer Lebensform der Transformation zu sprechen, denn das philosophische Staunen ist nicht lediglich die Schwelle zu neuen kognitiven Prozessen, sondern zu einem völlig neuen in-der-Welt-Sein.

Zu recht schrieb der selbst nicht gerade unbürgerliche Josef Piper daher:
„Hierin, daß Philosophieren im Erstaunen beginnt, offenbart sich der sozusagen prinzipiell unbürgerliche Charakter der Philosophie; denn das Staunen ist etwas Unbürgerliches […]. Was nämlich besagt doch Verbürgerlichung im geistigen Sinn? Vor allem dieses: daß einer die von den unmittelbaren Lebenszwecken her bestimmte Nahumwelt so sehr endgültig, so kompakt nimmt, daß die begegnenden Dinge nicht mehr durchsichtig zu werden vermögen. Die größere, tiefere und eigentlichere, zunächst »unsichtbare« Welt der Wesenheiten wird nicht mehr geahnt; das Erstaunliche kommt nicht mehr vor, es kommt nicht mehr hervor: der Mensch vermag nicht mehr zu staunen. Der stumpfgewordene Spießersinn findet alles selbstverständlich.“

Was immer Josef Piper unter der „'unsichtbare[n]' Welt der Wesenheiten“ verstand: die Bedeutung des Staunens im Kontrast zu einer Lebenshaltung, der alles als Selbstverständlich gilt, hat er treffend benannt. So gesehen trifft sich das philosophische Staunen in gewisser Weise mit dem kritischen Verhalten, wie es Max Horkheimer in seinem für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule paradigmatischen Text Traditionelle und kritische Theorie formulierte:
„Es gibt nun ein menschliches Verhalten, das die Gesellschaft selbst zu seinem Gegenstand hat. Es ist nicht nur darauf gerichtet, irgendwelche Missstände abzustellen, […] Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind ihm vielmehr selbst verdächtig und keineswegs außerwissenschaftliche Voraussetzungen, mit denen es nichts zu schaffen hat. Während es zum Individuum in der Regel hinzugehört, dass es die Grundbestimmungen seiner Existenz als vorgegeben hinnimmt und zu erfüllen strebt, […] ermangelt jenes kritische Verhalten durchaus des Vertrauens in die Richtschnur, die das gesellschaftliche Leben, wie es sich nun einmal vollzieht, jedem an die Hand gibt.“
Horkheimer beschreibt hier das Unbürgerliche in einem Verhalten, das zunächst einmal die Vorgaben als nicht selbstverständliche wahrnimmt und, bevor es daran geht irgend welche Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, eben diese Aufgaben und Pflichten infrage stellt. Dieses Verhalten ist zugleich das kritische im Sinne Horkheimers wie auch das staunende im Sinne Pipers.

projekte/einfuehrung_in_das_philosophische_staunen.txt · Zuletzt geändert: 2017/01/12 09:49 von casaubon

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